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​Du und ich, wir machen das Klima kaputt

#Gesellschaft
​Du und ich, wir machen das Klima kaputt (Feature Image)

Es ist ungemütlich heiß hier. Heiß genug, dass in diesen Tagen das Klima breit thematisiert wird. Ob das noch Sommer ist oder schon Klimawandel, fragt die SZ, und im angenehm klimatisierten Office fragt man sich derweil, warum es eigentlich kein Hitzefrei auf der Arbeit gibt. Müssen es erst 37 Grad in den Hauptstädten der westlichen Welt sein, dass wir darüber sprechen, wie wir seit Jahrzehnten unseren Planeten zerstören? Und du – ja genau, du* – machst mit.

Ich selbst auch, und ich hasse es. Teil des Problems zu sein ist uncool. Ich könnte mir jetzt einreden, dass ich selbst ja schon voll nachhaltig unterwegs bin. Dass ich mich vegan ernähre, mit dem Fahrrad zur Arbeit fahre, Bio-Lebensmittel kaufe und Ökostrom habe.

Was für ein egoistisches "Gut-sein" Theater! Kurzer Privilegiencheck: Von der veganen Ernährung profitiert mein eigener Körper am meisten, meine Arbeit ist 15 Minuten von meiner Wohnung entfernt, und die 100€ mehr für Ökostrom kann ich mir leisten. Ich bewege mich nur in einer Komfortzone aus Privilegien, und dass das nicht genug ist, ist offensichtlich.

Ich, wenn mein anderes Ich mir sagt, ich sei Teil des Problems

Die Kinder und Jugendlichen, die freitags für das Klima streiken, zeigen schon mehr Mut als ich. Denn sie riskieren damit einen guten Schulabschluss, quasi eine Eintrittskarte in die Welt der Eliten. Zum anderen können sich auch nur die Schüler*innen eine Abwesenheit im Unterricht leisten, die aufgrund ihres privilegierten Hintergrunds das Risiko einer schlechten Bewertung eingehen können. Wer weiß, dass die Eltern die Privatuniversität finanzieren werden, muss sich nicht um eine Note 6 in Französisch kümmern, wenn man bei der Klassenarbeit für das Klima demonstriert hat.

Mir fiel das Lernen in der Schule leicht, ich hätte die Form des zivilen Ungehorsams riskieren können. Ob ich freitags für das Klima auf die Straße gegangen wäre, weiß ich trotzdem nicht. Und falls nicht, hätte ich mir spätestens jetzt Vorwürfe gemacht.

Übrigens: Die Klimaaktivistin Luisa Neubauer wurde von ihren Gegner*innen spöttisch als #langstreckenluisa bezeichnet – weil sie auf Instagram Urlaubsbilder gepostet hatte. Ihrem Aktivismus begegnen viele nicht auf inhaltlicher Ebene, sondern mit Angriffen auf persönlicher Ebene.

Und ja, Verantwortung für den eigenen Beitrag zu der größten Krise der Welt zu übernehmen fällt nicht leicht. Leichter wäre es, das Problem und die eigene Verwicklung darin blind zu ignorieren. Im Winter schneit es? Von wegen Klimaerwärmung! Und wenn der Präsident der USA das schon sagt, dann mag man sich gerne einreden, dass vielleicht doch alles nicht so schlimm ist.

Aber verdammt noch mal, hier geht's um unseren Planeten! Die schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg, die mit ihrem Schulstreik die weltweite Bewegung Fridays For Future ausgelöst hat, sagt in ihrer Rede in Davos:

I don't want you to be hopeful, I want you to panic [...] I want you to act as if you would in a crisis.

Und genau das ist es – wir brauchen ein komplett neues Bewusstseins der Problemdimension! Besonders aber Menschen in Politik, Wirtschaft und Medien. Auf Wirtschaftskrisen reagieren sie panisch, innerhalb weniger Wochen können Milliarden Euro für Bankenrettungen aufgebracht werden. Bei der Klimakrise scheinen kleinste Aufwendungen zu viel, egal ob es um Fördergelder oder Regulierungen geht.

"Ich halte grundsätzlich nichts davon, die Verantwortung für globale Entwicklungen, die erst einmal politische und wirtschaftliche sind, auf Einzelne abzuwälzen", schreibt Seyda Kurt auf ze.tt, und natürlich hat sie Recht. Wenn Unternehmen weiterhin Mengen an CO2 in die Atmosphäre pumpen, reißt die Avocado auf dem Abendbrot die Klimabilanz auch nicht mehr. Wenn die Politik weiterhin konsequent Flughäfen und Autobahnen subventioniert, müssen wir uns nicht wundern, warum die Bahn zu langsam, zu spät und zu teuer ist.

Du* und ich, wir machen das Klima kaputt, weil wir Teil der Gesellschaft sind, die von der Ausbeutung heute profitieren. Und weil wir immer noch nicht genügend dafür tun, sie zu stoppen. Man muss sich das einmal bewusst machen: wir wissen, dass wir uns selbst auslöschen, wenn wir so weitermachen. Und wir machen es trotzdem.

Wir müssen uns daher fragen: Was und wen unterstütze ich? Wovon profitiere ich? Welcher Industrie arbeitet die Arbeit, die ich tue, zu? Wofür steht mein Arbeitgeber? Welche Infrastruktur nutze ich? Welche Rolle spielen meine Vorfahren?

Der ehemalige Auto-Minister ist an Ignoranz kaum zu übertreffen

Wir können nicht warten, bis ein genialer Erfinder die Welt-retten-Maschine baut - einen lieben Gruß an die CSU an dieser Stelle. Die Perspektive, in den folgenden Jahrzehnten eine lebenswerte Welt zu erhalten, sollte Anreiz genug für ein klimaneutrales Verhalten sein. Und ja, die Industrie muss reguliert werden, so dass endlich Klimaschutz vor Profitgier steht. Freiwillig wird kein Wirtschaftsboss auf seine Bonusmillionen verzichten, genauso wenig wie Firmen sich freiwillig dazu verpflichten, mehr Frauen in Führungspositionen zu bringen. Im Zweifel verliert das Klima, und damit die Allgemeinheit.

Wir brauchen mehr Reflektion und Selbstkritik, nicht nur auf individueller Ebene. Lasst uns also bei Diskussionen über Klimaschutz nicht in der Fleisch-essen-und-Flugzeug-fliegen-Sackgasse landen. Lasst uns ehrlich zu uns selbst sein, unsere Rolle in der Krise erkennen und Verantwortung dafür übernehmen. Deutschland kann nicht weiterhin drei Welten verbrauchen, das sind nämlich zwei zu viel.



*sofern du eine weiße, priviligierte Person bist

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