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Ich bin dann mal Foodora-Rider...

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Es ist 19 Uhr, irgendwo im Münchner Süden. Ich fahre mit meinem Fahrrad zum dritten Mal die Straße ab. Hausnummer Vierundachtzig steht in meiner App, es gibt hier allerdings nur eine Zweiundachtzig. In meinem Rucksack habe ich zwei Burger, und in einem Haus das hier irgendwo sein muss, hat jemand Hunger.

Seit zwei Monaten liefere ich für Foodora Essen aus. Ich bin jetzt einer von denen, die mit pinker Jacke spät abends noch durch die Straßen radeln, so dass Küchen kalt bleiben dürfen. Mein bester Freund auf der Arbeit ist Google Maps, und er weiß meist ziemlich gut wo eine Vierundachtzig ist.

TweetDie Idee hatte ich schon länger. Und der Tweet war gar nicht so ironisch wie er vielleicht klingen mag.

Die Zusage kam schnell. Kein Interview, sondern ein Onboarding mit anschließendem Angebot, den Vertrag zu unterschreiben. Die wissen nicht mal wer ich bin, was mein Hintergrund ist und stellen mich einfach sofort ein. Es ist egal, wie ich aussehe, woher ich komme; ich muss nicht einen auf kompetent machen beim Vorstellungsgespräch: Ich bin einfach dabei, ohne wenn und aber. Das gefällt mir.

Als ich Freunden von meinem neuen Job erzählt habe, stieß ich auf Unverständnis. Ich könne doch als Werkstudent viel mehr verdienen, meinten einige. Und das stimmt ja auch. Ich bin bald fertig mit meinem Studium, und meine Chancen eine gutbezahlte Arbeit zu bekommen stehen ziemlich gut. Aber bin ich jetzt wirklich mehr wert, so als Master of Science? Zumindest als Arbeitskraft schon, wenn man Stundenlöhne vergleicht. Es fühlt sich unfair an. Was, wenn mein Leben anders verlaufen wäre und ich nicht die Chancen bekommen hätte, die ich hatte?

Ich muss raus aus meiner Blase. Ich möchte wissen wie es ist, Jobs zu machen, bei denen meine Privilegierung als gebildeter deutscher weißer Mann nicht greift.
Jobs, mit denen man nicht angibt, sondern die man macht, um klar zu kommen. Keine Selbstverwirklichung, sondern Selbsterhalt, so gut es eben geht.

Die Schicht war anstrengend, ich bin richtig fertig. Mein Hinterteil tut außerdem noch weh von gestern, ich konnte kaum auf dem viel zu harten Sattel sitzen. Ich muss das Fahrrad wechseln, damit kann ich nicht monatelang unterwegs sein. Und regenfeste Kleidung muss ich auch besorgen, fällt mir ein. Ich habe die Befürchtung, dass ich den Job doch etwas zu locker nehme – und nachher ziemlich auf die Schnauze falle.

Dass man sich etwa Pizza nach Hause bestellen kann, das gibt es schon lange. Neu bei Foodora, Deliveroo und Co ist, dass Kunden online von Restaurants bestellen können, die zuvor Essen nicht geliefert haben. Der Lieferdienst koordiniert seine Fahrer via Smartphone App, welche die Speisen dann bis vor die Haustüre bringen – ein DHL für Restaurantessen also.

Fabian als Foodora-RiderAls Mann Pink zu tragen ist jetzt endlich sozial akzeptiert – zumindest wenn man Foodora-Fahrer ist.

Ich bin etwas selbst überrascht, aber bisher gefällt mir die Arbeit gut. Ich bin draußen, bewege mich und bekomme den Kopf frei von meiner Masterarbeit. Das sage ich inzwischen auch, wenn mich jemand fragt, weshalb ich den Job mache.

Was ich manchmal nicht sage, aber auch spannend ist, ist die kurze, irgendwie intensive Begegnung mit Kunden. Wenn sie die Tür ihrer Wohnung öffnen, welche Rückzugsort und Privatsphäre ist, entsteht ein kurzer Moment der Intimität. Es ist ein Einblick in das Leben eines fremden Menschen, den man in einer solchen Situation nicht wieder trifft. Es mag völlig unspektakulär sein, aber es sind die kleinen Dinge, die Geschichten erzählen. Was macht die Person gerade? Wie lebt sie? Was isst sie heute? Mit der Übergabe der Foodora-Tüte und dem Schließen der Tür ist der Moment wieder abrupt beendet.

Es ist kalt, es schneit, es ist dunkel. Ich habe ein anderes Fahrrad von einem Mitbewohner ausgeliehen. Die Vorderbremse ruckelt aufgrund eines leichten Achters im Rad. Ich fahre eine Portion Nudeln in die Nähe der Theresienwiese, bekomme sogar 2€ Trinkgeld. Auf dem Weg zum nächsten Restaurant rutscht eine Frau vor mir mit ihrem Rad aus und fällt hin. Ich halte an. „Alles gut?“ – „Alles gut, ja“. Ok, weiter geht‘s. Eine Pizza Rucola wartet nämlich darauf, abgeholt zu werden.

Je länger ich schon dabei bin, desto mehr merke ich, wie wichtig das Trinkgeld für uns Fahrer ist. Der eine Euro mag nicht viel sein, aber er drückt Wertschätzung aus. Es ist ein kleines Danke, dass du da bist und für viele der Grund warum sie den Job auch nach längerer Zeit noch machen.

Aber der Job ist für mich mehr als Fahrradfahren für Geld. Ich fühle mich verbunden mit den anderen Fahrern, ich bin Teil der Foodora Gang. Wir sind wie ein Team und halten zusammen. Jeder weiß, der Job ist anstrengend und man erhält selten Blicke der Bewunderung, ob im Restaurant oder auf der Straße. Aber wir machen das Beste daraus und tauschen uns aus über Erfolgserlebnisse (20 Euro Trinkgeld) oder Mißgeschicke (wenn mal wieder eine Suppe ausgelaufen ist).

Sonntag, 21 Uhr, vor einem beliebten Burger Restaurant. Fünf Foodora-Fahrer warten schon draußen auf ihre Bestellung, die Küche hat anscheinend zu wenig Personal. Ich komme dazu und wir quatschen etwas.

Leo* ist seit 2 Jahren bei Foodora. Vollzeit. Er ist jeden Tag, auch Samstag und Sonntag, 5 Stunden auf dem Fahrrad. „Krass“, sage ich, „du musst den Job schon mögen“. „Man verdient nicht schlecht“, sagt Leo, „und man ist frei hier, macht sein Ding, ohne dass andere Leute einen stressen.“ Da ist was dran. Einfach Fahrrad und Rucksack auf, und losfahren. Das Gefühl der Enge gibt es nicht, die Stadt erscheint grenzenlos. Wenn spät abends die Straßen leer sind und ich die letzte Bestellung durch die Stadt fahre, fühlt sich das gut an. Ich verstehe, warum er sich einen Bürojob nicht vorstellen kann.

Ein anderer Fahrer ist nicht mehr ganz so happy. „Ich kündige nächsten Monat. Kein Bock mehr“. Er ist seit November dabei und hat den gesamten Winter mitgemacht. Noch bevor ich nach seinem Namen fragen konnte, bekommt er seine Foodora-Tüte, steigt auf sein Rad, und ist schon wieder weg.

Eigentlich ist es total absurd, mittelmäßiges Fastfood durch die Stadt zu fahren, weil gerade jemand keine Lust hat, sich Essen zuzubereiten. Für den Wert einer Bestellung muss ich mehr als eine Stunde arbeiten.

Es steckt aber auch eine gewisse Faszination dahinter: Wenige Klicks in der App und eine halbe Stunde später ist das Essen vor der Tür – vorausgesetzt der Fahrer findet die Hausnummer.


Teil Zwei dieser Serie erscheint bald hier auf meinen Blog.

Fabian Keitel

Hat Maschinenbau studiert, aber noch nie eine Maschine gebaut. Schreibt hier auf seinem Blog Geschichten, ohne Geschichte studiert zu haben – meist über Themen zwischen Technologie und Gesellschaft.

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