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Mit Rechten reden – oder soll man es lassen?

# Gesellschaft
Mit Rechten reden – oder soll man es lassen? (Feature Image)

Waldemar, der Gründer des Berliner Start-ups einhorn, macht gerade mit seiner Familie Urlaub in der sächsischen Schweiz und hat gestern in seinen Instagram-Stories erzählt, wie schön es dort ist. Wenn er einfach weiter von Wäldern und Wiesen erzählt hätte, wäre alles gut gewesen. Er kommt allerdings auf die „spannende“ politische Lage in seinem Urlaubsort zu sprechen, wo über 30% AfD gewählt wurde. Und entschließt, etwas dagegen zu tun – mit Rechten zu reden.

Wie passend, dass die – wie sich herausstellt – AfD-nahen Betreiber seiner Unterkunft direkt mit ihm plaudern. Die Beliebtheit der rechtsradikalen Partei hätte, nach dem was er von seinen Gesprächspartnern mitbekommen hat, etwas mit der Situation in der ehemaligen DDR und dem Gefühl, „nichts mehr sagen dürfen“ zu tun – eine gefühlte Realität, die zwar nichts mit der echten Realität zu tun hat, aber immerhin.

Abgesehen davon, dass >30% AfD nicht spannend, sondern schockierend ist, frage ich mich an der Stelle schon, was so interessant daran sein soll, im Urlaub mit rechtem Gedankengut konfrontiert zu werden, wenn große Teile des öffentlichen Diskurses bereits von rechts geframed sind. Während der tragische Tod von Daniel H. in Chemnitz große politische Kreise zog, hat sich der Aufschrei nach dem Mordfall Lübcke in Grenzen gehalten. Wenn es einen Kick gibt, sich das Gedankengut, das im schlimmsten Fall zu solchen Taten führt, direkt von der Quelle geben zu lassen, dann habe ich wohl bisher etwas verpasst.

Des Weiteren scheint Waldemar aus einer befremdlich wirkenden Selbstverständlichkeit heraus zu glauben, dass seine Privilegien auch für alle anderen Bürger gelten müssten. Wenn er als weißer cis-hetero Mann Rechten begegnet, muss er keine Sorge haben, den Kopf eingeschlagen zu bekommen, nein, er kann sogar in einer AfD-Hochburg Urlaub machen, bei ihnen übernachten und am Frühstückstisch nette Pläuschchen halten. Männer wie er können es sich leisten, mit Rechten zu reden, weil sie nicht durch ihre reine Existenz Zielscheibe von Diskriminierung und Gewalt sind. Andere können nicht einmal sorgenfrei mit der S-Bahn von der Arbeit nach Hause fahren.

Zurück zu Waldemars Instagram Story. Sein Fazit von der Begegnung lautet dann so: Es sei „krass“, wie sich die Lebensrealität der Sachsen von der der Berliner unterscheide, man müsse mehr miteinander reden und raus aus der links-grünen Blase.

‌‌Und rein in die blau-braune Blase?! In guter Start-up Manier muss der Plausch nämlich skaliert werden. Dafür schlägt er vor, einen Bus von Berlinern in diese urige sächsische Gaststätte zu bringen, dort, wo man heute alles noch sagen darf. Die Gastgeber bringen dann auch noch ein paar besorgte Mitbürger*innen mit und bei einem angenehm kühlen Bier geht‘s dann ran an das Bubble-Experiment. Das ist im Grunde seine Idee, um die das Erstarken der Rechten einzudämmen. Seine Community ist begeistert: 87% der Follower haben Lust in den Berlin-Bus Richtung sächsische Schweiz einzusteigen.

Bei der Umfrage habe ich auf „Nein“ gedrückt – ich habe keine Lust auf ein Bier mit potenziellen Nazis. Denn ich glaube an die „Mit Rechten reden“-Idee nicht. Angenommen, man träfe sich, und fänge an zu reden. Auf welchen gemeinsamen Nenner soll man denn kommen? Dass ein bisschen Rassismus schon okay ist? Oder die Klimakrise nicht ganz so ernst ist? Wollen wir ernsthaft Intoleranz mit Toleranz begegnen? Bitte nicht.

Rechtsradikale vergiften unsere Demokratie, denn sie wollen sie abschaffen. Sie streuen Hass und verbreiten ein Klima der Angst und der Verunsicherung. Mit Annäherung und Verständnis normalisieren wir rechtes Gedankengut und geben dem damit mehr Raum. Mit Rechten zu reden ist der Versuch einer Annäherung, mit dem Ziel der Integration. Ich glaube nicht, dass man seine Wertvorstellungen hintenanstellen muss und die „linke Bubble einfach Mal runterschlucken“ soll, wie er meint, denn das wäre Kuscheln statt Konfrontation.

Waldemar mag glauben, dass er mutig seine Komfortzone verlassen hat und die Welt mit seinem „Wir müssen mal reden" ein Stück besser gemacht zu haben. Stattdessen ist er in die Privilegien-Falle getreten. Seiner Community scheint es bisher nicht gestört zu haben.