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Gut gemacht und nett gemeint, aber wenig subversiv

# Gesellschaft
Gut gemacht und nett gemeint, aber wenig subversiv (Feature Image)


Ich bin nicht allzu oft im Kino. Vielleicht aus Angst vor der Enttäuschung, zwei Stunden schweigend und gelangweilt in einem dunklen Raum zu sitzen, vor einer Leinwand, die so penetrant präsent ist, dass man kaum wegschauen kann. „Parasite“, der aktuelle Film des südkoreanischen Regisseurs Bong Joon-ho, hat allerdings Spaß gemacht, das muss man ihm lassen.

Das komödiantische Drama liefert beeindruckende Bilder, bleibt stets unterhaltend und hält unzählige überraschende Wendungen bereit. Für mich nachvollziehbar, warum er viel gelobt wird und in Cannes die goldene Palme gewonnen hat. Vor lauter Faszination von den künstlerisch starken Seiten des Films, vermisse ich in Rezensionen aber die kritische Diskussion. Denn nach der anfänglichen Begeisterung, die auch mich berauscht hat, blieb später doch einiges an Enttäuschung übrig.

Kurz umrissen geht es um die Familie Kim, die verarmt in einem Keller lebt und sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser hält – bis der Sohn die Möglichkeit bekommt, bei der reichen Familie Park Nachilfe in deren Designer-Haus geben zu können. Klug wie die Kims sind, finden sie schnell Wege, sich als ganze Familie von den Parks beschäftigen zu lassen – und werden dabei immer skrupelloser. Das dominante Thema von „Parasite“ ist ohne Zweifel die Zurschaustellung der Lebensrealitäten einer Zweiklassengesellschaft: Arm und Reich, Oben und Unten.

Südkoreanischen Großstadt / Symbolbild
Der Film spielt in einer südkoreanischen Großstadt (Bild: Unsplash)

Am Ende macht sich Ratlosigkeit breit, wer jetzt Gewinner oder Verlierer der Geschichte ist. Aber dass die Armen im Zweifel immer mehr verlieren werden, während den Reichen es leichter fällt, einfach woanders hingehen zu können, bleibt schon hängen. Wer oben ist, bleibt oben, wer unten ist, wird trotz vieler Bemühungen wieder unten landen.

Die auch in anderen Rezensionen benannte Kapitalismuskritik, die in „Parasite“ mitschwingt, geht aber nicht besonders tief. Sie bleibt so gut konsumierbar, dass sie kaum über das Ende des Films hinaus nachdenklich macht. Perspektiven für ein alternatives Verständnis von kapitalistisch geprägten Werten werden nicht aufzeigt.

Denn der Lebensstil und die Besitztümer, allem voran das Haus der wohlhabenden Familie Park, bleibt der Zuschauer*in als erstrebenswert hängen. Die „Parasite“-Erzählweise führt die Zuschauer*in eher zu dem Schluss, weiter festzuhalten an kapitalistischen Strukturen, weil die Illusion des sozialen Aufstiegs so greifbar scheint. So wie Kevin das tut, trotz all dem was passiert ist.

Auch von der Komplexität der Charaktere bleibt nicht mehr übrig, als dass reiche Menschen durchaus auch naiv, gutmütig und rechtschaffend sein können. Es überrascht nicht, dass ihr Aussehen so perfekt normschön ist, wie es sich die Werbebranche nur ausdenken könnte – Schönheit, Erfolg und Geld hängen auch bei „Parasite“ unmittelbar zusammen. Es scheinen sie kaum Probleme zu beschäftigen abseits von Selbstoptimierung. Ist Herr Park wirklich glücklich mit seinem Management-Job bei „Another Brick“? Und die Rolle seiner Frau, porträtiert als Haushalts-Projektmanagerin und glückliche Ehefrau, füllt ihre Bedürfnisse und Potenziale voll aus? Sind die Kinder nicht irgendwie auch einsam?

Offizieller Trailer von „Parasite“

Die Inszenierung der prekarisierten Familie Kim bleibt trotz ihrer respektablen Wandelbarkeit vor allem sehr karikativ: Diese Form des „Unten“, als Gegenteil des „Obens“, die der Regisseur – wie ich finde – über-metaphorisch darstellt, bestätigt mehr Vorurteile als das es sie hinterfragt und dient mehr einem Voyeurismus für, nun ja, die besser situierte Kinobesucher*in.

Ihre Methoden, die ehemals Beschäftigten der Parks loszuwerden, bewegen sich ohne Frage irgendwo zwischen intelligenter Frechheit und Betrug. Dennoch: so parasitär wie der Filmtitel andeutet, agieren die Kims nun wirklich nicht. Immerhin sind sie Dienstleister für die mit ihnen hochzufriedenen Parks, und beide Familien gleichen einander bis zur Eskalation am Ende mehr einer Symbiose als einer parasitären Beziehung. Natürlich ist Betrug zu verurteilen, aber wer den Kims, die hier als Repräsentationsfiguren einer gesamten Klasse fungieren, aufgrund ihrer Armut grundsätzlich Unehrlichkeit bis Kleinkriminalität zuschreibt – und das ist das Narrativ – behält eben auch abseits dieses Films ein diskriminierendes Bild der armen Gesellschaftsschichten aufrecht.

Über die Oben-Unten Inszenierung hinaus wird auf beiden Seiten der sozialen Klassen eine dominante konservative und heteronormative Welt erschaffen. Beide Familien stellen eine als traditionell ideal gesehene, „intakte“ Form dar – Mutter, Vater, Tochter, Sohn. Alle Charaktere erscheinen cis-hetero, so wie es sich im zweigeschlechtlichen System gehört. Wie gottgegeben steht Kevin, der Nachhilfelehrer, alsbald auf Da-hye, die Tochter der Parks, und die beiden führen heimlich eine Liebesbeziehung mit Heiratsplänen.

Wie dabei Übergriffigkeit als Romantik verkauft wird, sieht man schön an der ersten Nachhilfestunde von Kevin, bei der die Park-Mutter kontrollierend mit dabei war. Beim Aufgabenlösen greift er plötzlich nach ihrem Arm und fasst ihr eindringlich an den Puls, um sie auf ihre Aufregung aufmerksam zu machen. Diese in dem Kontext grenzüberschreitende Körperkontakt-Performance wird mehrfachbelohnt durch die verliebte Hingebung der Tochter sowie die Begeisterung der Mutter von seiner Kompetenz (lol). Auch das ungefragte Lesen der Tagebücher von Da-hye hält Kevin für ein legitimes Mittel, sie „besser kennen zu lernen“.

Luxuriöses Haus in der Natur (Symbolbild)
In solch einem ähnlichen Haus residiert die Familie Park (Bild: Unsplash)

Fehlt nur noch Rassismus, und auch das hält „Parasite“ zuverlässig bereit, wie man von einem Film zugeschnitten für ein westlich geprägtes Publikum fast erwarten kann. Kritisch unhinterfragt und wie selbstverständlich wird der junge Sohn der Parks als besessen vom „Indianer“-Spielen inszeniert. Er verkleidet sich als indigener Junge, schießt mit Pfeil und Bogen durch das Haus und schläft – bis er keine Lust mehr hat – auch gerne nachts im Garten in einem Tipi-Zelt.

„In die Kleidung von Native Americans zu schlüpfen bei völliger Leugnung  des historischen Kontextes ist die Aufrechterhaltung eines strukturellen Rassismus, der ein Wesen der westlichen Welt ist“, schreibt Elisa Nowak auf ihrem Blog in der Freitag Community, und das trifft auch hier zu. Diese Form der kulturellen Aneignung wird auf die Spitze getrieben, indem die Familie eine „Indianer“-Feier veranstaltet, auf der sich sogar die beiden Familienväter zur Bespaßung des Sohns und der Gäste mit indigenem Federschmuck bekleiden. Das hätte nun wirklich nicht sein müssen. Die Wahl einer beliebig anderen unproblematischen Freizeitbeschäftigung für den Sohn der Parks hätte der künstlerischen Qualität des Films keinen Abstrich beschert.

Mir ist klar, dass „Parasite“ von der Überzeichnung seiner Charaktere und deren Verhältnisse lebt. Aber was bleibt Tage danach hängen bei der Zuschauer*in? Nachdem die schönen Bilder und die witzigen Momente langsam verblassen, behalte ich den als gesellschaftskritisch diskutierten Film als wenig subversiv in Erinnerung. Das enttäuscht meine kritische Seele doch etwas.