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Revolution à la Z2X

# Gesellschaft
Revolution à la Z2X (Feature Image)

Junge Menschen reisen in die Hauptstadt, kommen zusammen und diskutieren Ideen für eine Welt von Morgen. Das klingt nach Revolution mit Ansage. Leider war der Anlass dafür nur der Z2X, das Festival der neuen Visionäre, veranstaltet von Zeit Online.

Im silent green, einer netten Event-Location mit Außenbereich in Berlin-Wedding, wurden in Form einer Konferenz Themen rund um Demokratie, Klima und soziale Gerechtigkeit diskutiert. Mit dabei waren unter anderem Nico Semsrott, Abgeordneter im Europaparlament von der Partei DIE PARTEI, YouTuberin Mirella Precek vom Kanal mirrelativegal und Luisa Neubauer von der Fridays For Future Bewegung.

Es ist eigentlich immer gut, wenn Menschen friedlich zusammenkommen und darüber nachdenken, wie man die Welt auch nur ein Stück besser gestalten kann. Wenn sich die Veranstaltung allerdings als Wohlfühlkonferenz für die junge Elite und als Marketinginstrument für das Medienhaus entpuppt, und von den kommunizierten Idealen nur noch wenig übrig bleibt, dann ist das einfach nur enttäuschend.

Zwischen Wohlfühlveranstaltung und Selbstinszenierung

Ja, ich habe nette Menschen getroffen und mich gut unterhalten. Und ja, ich schätze es, dass es ein solches Format gibt und ich daran teilhaben darf. Aber das Schöne und Gute am Z2X wurde stets begleitet von einem Unmut darüber, was es ist, gegenüber dem, was es sein könnte. So hat der Z2X trotz interaktiven Formaten wie Frag-mich-alles oder Workshops immer noch Konsumcharakter. Inspiration von anderen ist gut, aber wo kann ich mit anpacken?

Viele Gespräche außerhalb der Panels drehen sich über mögliche individuelle Handlungsfelder für große global-politische Herausforderungen, beispielsweise wie nachhaltiger konsumiert werden kann um das Klima zu retten. Das führt dann zu Situationen, in denen stolz geteilt wird, wie man seine Ernährung auf vegan umgestellt hat, damit total glücklich ist, und sogar Opi Sojamilch statt Kuhmilch benutzt. Hilft uns das wirklich weiter?

Die volle Wucht der Klimakrise oder der wiederkehrende und bereits normalisierte Rechtsradikalismus scheint bei den Z2X-lern (noch) weit weg zu sein. Solange das eigene T-Shirt Secondhand ist und man nicht mit dem Flugzeug angereist ist, bleibt alles in Ordnung. Und das AfD-nahe Familienmitglied kriegt man mit genügend kuscheln schon noch überzeugt davon, nächstes Mal besser Grün zu wählen.

Dass die Z2X-Community alarmiert ist über die Zustände der Welt und deshalb die großen Probleme benennt und Forderungen abseits des eigenen Lebensstils erhebt, konnte ich an diesem Wochenende weniger beobachten.

Stattdessen erlebe ich die Veranstaltung mehr als Plattform für Networking und Selbstverwirklichung. Eine Pinnwand, auf der Studierende nach sinnstiftenden Jobs suchen können oder Unternehmer ihr junges nachhaltiges Start-up bewerben können, hilft dabei. Man unterstützt sich eben gegenseitig. Als Teil der Inszenierung darf das Selfie mit dem Social Media Idol natürlich auch nicht fehlen. So lässt sich die eigene Unwichtigkeit kurz vergessen, wenn die populäre Youtuberin oder der witzige Politiker auf dem eigenen Instagram-Kanal auftaucht.

Die beiden Festivaltage erlebe ich als Wohlfühlveranstaltung mit viel gegenseitig-sich-auf-die-Schulter-klopfen. Revolution à la Z2X fühlt sich angenehm an, darf nicht zu schnell gehen und sollte den eigenen Karriereplänen nützlich sein. Welt verbessern muss Spaß machen! Vielleicht haben die Organisator*innen auch deshalb einen Kondom mit in den Z2X-Goodie-Bag gepackt.

Ein Event von und für die Elite

Warum hier Wohlfühlathmosphäre angesagt ist, wundert mich nicht, je mehr ich das Publikum greifen kann. Hier sind meinem Eindruck nach vor allem privilegierte Leute wie ich anwesend. Die große Mehrheit der Besucher*innen lese ich als weiß, jung, gut situiert und akademisch gebildet.

Dafür gibt es sicherlich verschiedene Gründe, einer mag das Anpreisen der Veranstaltung in eher privilegierten Kreisen sein. Auch mitverantwortlich gewesen sein könnte die für eine Teilnahme benötigte "doppelte" Bewerbung: zuerst, um in die Community aufgenommen zu werden, dann noch eine um als Teilnehmer*in des Events zugelassen zu werden.

Man muss sich also erst einmal beweisen. Belohnung ist dann ein Badge mit Name, eine Art verschriftliche Berechtigung zumindest für dieses Wochenende "junger Visionär" zu sein. Das Formulieren solcher Hürden ist Gatekeeping at its best und schließt Menschen aus, die nicht ins typische Raster passen oder keine Zeit für die Bewerbung hatten. Apropos ausschließen – von Visionär*innen war nirgends die Rede. Sind hier nur die männlichen Visionäre willkommen?

Zumindest bei den Speaker*innen hat man sich mehr Mühe gegeben, auch von der Mehrheitsgesellschaft marginalisierte Menschen eine Bühne zu geben. Zu nennen seien hier beispielsweise die Macher*innen des Funk-Formats Jäger & Sammler oder die Unternehmerin und Aktivistin Kiyomi Calloway.

Eine Inszenierung der Inszenierung

Ich halte es auch für berechtigt, zu diskutieren, wer beim Z2X am meisten profitiert – die Besucher oder die Veranstalter? Zeit Online als Organisatorin hat dafür gesorgt, das Festivalgelände mit Marketing zu überschütten  – was zugegebenermaßen zu erwarten war – und offensiv Bilder und Videos der Besucher*innen aufzunehmen. Zeitweise hatte ich allerdings das Gefühl, ich werde hier zum Produkt gemacht, anstatt als Gestalter wirken zu dürfen. Hier stellt sich schon die Frage, inwieweit Zeit Online sich mit dem Z2X selbst inszeniert, indem sie wiederum eine gesamte junge Generation von "Visionären" inszeniert. Wie viel Zielgruppe war ich dort schon und wie viel Individuum noch? Ging es wirklich um meine Ideen oder nur um mein Gesicht in einem Aftermovie? Der Marketing-Effekt einer solchen Veranstaltung für das Medium und den Verlag ist nicht zu unterschätzen.

Zwar wurden wir Teilnehmer am Ende des Events per Mail freundlich um Feedback gebeten, während der Veranstaltung war allerdings Kritik am Format irgendwo zwischen nicht vorgesehen bis unerwünscht. Für eine selbstkritische Analyse des Formats war im Programm kein Slot vorgesehen. Das hätte zumindest die Chance eröffnet, gemeinsam über die hier angesprochenen Themen Wohlfühlaktivismus, Privilegiertheit und Inszenierung des Events zu reflektieren. Für mich heißt visionär sein auch das große Ganze zu hinterfragen.

Wo sind die Visionen geblieben?

Natürlich war ich nicht in allen Talks und Workshops, und vielleicht in den "falschen" Gesprächen – nicht dort, wo die großen Fragen eines möglichen Zusammenlebens aufgeworfen wurden. Denn die Perspektiven auf dem Z2X bewegten sich meinem Eindruck nach meist innerhalb der gesellschaftlichen und politischen Realität. Warum gibt sich die Z2X-Community zufrieden damit? Wo sind die wütenden jungen Leute, die kein Bock mehr auf Status Quo haben? Wo ist die Radikalität geblieben?

Ich glaube nicht, dass Lächeln und Freundlich-sein die Welt rettet, zumindest nicht dort, wo große Reformen notwendig sind und Machtverhältnisse in Frage gestellt werden müssen. Das ist bei allen Z2X-Themen notwendig, egal ob wir über Klima, Demokratie, soziale Ungerechtigkeit, Medien oder Wirtschaft reden. Wenn sich Privilegierte stattdessen überlegen, was sie tun können, um sich selbst beruhigen zu können, dann ist das scheinheilig. So habe ich mir die Revolution nicht vorgestellt.

Veränderung zu schaffen heißt auch, Altes abzuschaffen. Das ist ungemütlich, vor allem für diejenigen, die von bestehenden Machtverhältnissen profitieren. Das Z2X könnte dafür die Voraussetzungen schaffen: Aus der Komfortzone ausbrechen, Probleme unentschuldigend benennen, selbstreflektiert und selbstkritisch handeln. Mir persönlich hilft es, mir einzugestehen, dass alles, was ich tue, nie genug sein wird. Dass ich selbst viel zu oft Teil des Problems bin, statt Teil der Lösung. Das schafft Demut.

Vielleicht bleibt aber auch der nächste Z2X eine Illusion. Ein Ort, an dem junge Menschen zusammenkommen, netzwerken, und hoffen, dass schon noch alles gut wird, irgendwie.



Bilder: © Phil Dera und Alexander Probst für ZEIT ONLINE