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Was es für mich bedeutet, vegan zu leben

#Gesellschaft
#Persönliches

Ich habe schon damals nie besonders viel Fleisch gegessen. Weder habe ich Fleisch geliebt, noch gehasst – es hat einfach dazugehört. Ich nahm an, dass Fleisch für eine ausgewogene Ernährung notwendig sei, aber zu viel auch nicht gut ist.

Heute esse ich kein Fleisch mehr, und außerdem keine Milch, Eier und andere Tierprodukte, und das fühlt sich gut an. Bis ich bewusst darauf verzichtete und dafür gute Gründe fand, verging aber noch etwas Zeit. Dazwischen konnte ich manchmal nicht einmal mir selbst erklären, weshalb. „Es schmeckt halt irgendwie nicht mehr“, war dann meine Antwort, wenn jemand fragte.

Zum tieferen Nachdenken über Veganismus wurde ich inspiriert, als ich vor etwa einem Jahr das Buch Tiere essen von Jonathan Safran Foer gelesen habe. Mit seiner liebevollen Erzählart geht Foer in diesem Buch auf den Grund, was es für ihn bedeutet, Tiere zu essen – oder nicht zu essen. Es ist kein Manifest für Veganismus, vollgepackt mit abschreckenden Schlachthausgeschichten, sondern eine ehrliche Auseinandersetzung mit sich selbst. Er sucht nach Antworten, welche Folgen der so banale weil lebensnotwendige Akt des täglichen Essens für uns und die Umwelt hat.

Eine leckere Smoothie-BowlSieht gut aus, schmeckt gut. Smoothie-Bowls sind einfach Hingucker. Und wer hätte es gedacht, sie sind natürlich vegan.

Ich denke nicht, dass ein gutes Buch allein reicht, die Ernährung von einem Tag auf den nächsten zu ändern. Essen ist nicht rational. Essen ist Kultur, Gewohnheit und Identität, schreibt Foer, und spätestens jetzt wird mir klar, warum jede Diskussion zwischen Veganern und Nicht-Veganern unüberwindbar scheint. Es geht weniger um Fakten, sondern um ein Gefühl, eine Überzeugung.

Bei mir kam das Buch genau zur richtigen Zeit. Es hätte auch ein anderes sein können, aber relevant war, dass ich in der Zeit meine bisherige Ernährung in Frage gestellt habe und Alternativen gesucht habe. Ich steckte also in einer Identitätskrise, und fand Inspiration in einer Präferenz, die sich richtig angefühlt hat.

Mir wurde schnell bewusst, dass Vegan-sein bedeutungsvoller ist als Sojadrink statt Milch im Müsli. Sich rein pflanzlich zu ernähren und vegan zu leben bedeutet, die Tierindustrie offen abzulehnen und damit zu kritisieren. Es geht darum, einzustehen für eine bestimmte Vorstellung eines Miteinander zwischen Umwelt, Mensch und Tier. Das ist ziemlich politisch, merkte ich.

Vegan zu leben, empfinde ich heute als richtig. Mir geht es besser damit. Ich esse gesünder, diverser und vor allem bewusster. Von immer wiederkehrenden Skandalen aus der Tierindustrie, sei es Gammelfleisch, Gift in Eiern, oder verseuchte Milch, bin ich nicht mehr betroffen. Ich bin nicht mehr Konsument einer Industrie der Ausbeutung. Die Auswirkungen von Massentierhaltung auf Umwelt, Mensch und Tier sind bereits gut dokumentiert, deshalb werde ich hier nicht weiter darauf eingehen. Klar ist, dass sie schwerwiegend sind.

Ja, ich bin überzeugt davon, dass die Welt eine bessere wäre, wenn mehr Menschen sich dazu entscheiden, auf Tierprodukte zu verzichten. Allerdings mache ich mir nicht zur Mission, mein Umfeld vom Veganismus zu überzeugen. Ich respektiere die Entscheidung jedes Einzelnen und weiß, dass es nicht einfach ist, Gewohnheiten zu hinterfragen oder sogar zu ändern. Einfach auszublenden, was hinter dem Essen auf dem Teller steckt, und Schnitzel geil zu finden, weil man es eben kennt, und Tofu blöd zu finden, weil es eben anders ist, ist mir aber auch zu wenig.

Oftmals wird man darauf hingewiesen, als Veganer doch bitte nicht seine Meinung anderen aufzuprägen. Ich kenne keinen Veganer, der das macht. Aber als Veganer nervt man nunmals, schreibt Foer, nicht zuletzt auch weil man ein wandelnder Vorwurf und ein personifiziertes schlechtes Gewissen ist.

Fabian Keitel

Hat Maschinenbau studiert, aber noch nie eine Maschine gebaut. Schreibt hier auf seinem Blog Geschichten, ohne Geschichte studiert zu haben – meist über Themen zwischen Technologie und Gesellschaft.

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